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Mein Kind kann es - macht es aber trotzdem nicht. Warum?

  • 20. Juni
  • 3 Min. Lesezeit
Kind sitzt am Tisch und erledigt Schulaufgaben nicht, sondern lenkt sich ab.

„Wenn er wollte, könnte er das locker schaffen.“

Diesen Satz höre ich in Gesprächen mit Eltern erstaunlich oft.

Das Kind wirkt intelligent. Es versteht Zusammenhänge. Mündlich kann es vieles erklären. Manchmal zeigt es sogar, dass es die Aufgaben grundsätzlich beherrscht.

Und trotzdem werden Hausaufgaben nicht gemacht.

Es wird nicht gelernt.

Arbeitsblätter bleiben liegen.

Die Noten bleiben hinter den Möglichkeiten zurück.

Für viele Eltern ist das schwer nachvollziehbar. Denn wenn ein Kind etwas kann – warum macht es dann nicht einfach?

Die Antwort ist meist komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint.



Können und Tun sind nicht dasselbe

In der Schule wird oft vor allem sichtbar, ob ein Kind etwas fachlich kann.

Im Alltag entscheidet jedoch etwas anderes darüber, ob dieses Wissen tatsächlich genutzt wird:

  • Kann sich das Kind organisieren?

  • Kann es Aufgaben beginnen?

  • Kann es Frust aushalten?

  • Kann es Fehler ertragen?

  • Kann es sich über längere Zeit konzentrieren?

  • Kann es sich selbst motivieren?

Zwischen Wissen und Handlung liegen viele weitere Fähigkeiten.

Deshalb kann ein Kind durchaus verstehen, wie eine Aufgabe funktioniert – und trotzdem nicht in der Lage sein, sie selbstständig zu bearbeiten.


Das eigentliche Problem liegt oft unter der Oberfläche

Viele Eltern konzentrieren sich verständlicherweise auf die sichtbare Ebene:

  • schlechte Noten

  • vergessene Hausaufgaben

  • fehlende Lernbereitschaft

  • Streit zuhause

Diese Probleme sind jedoch häufig nur Symptome.

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass hinter dem Verhalten ganz andere Ursachen stehen:

  • fehlende Struktur

  • Überforderung

  • Legasthenie oder Dyskalkulie

  • Aufmerksamkeitsprobleme

  • Angst vor Fehlern

  • mangelndes Selbstvertrauen

  • negative Schulerfahrungen

Das Kind verweigert nicht die Aufgabe.

Es vermeidet die Situation, die mit der Aufgabe verbunden ist.


Warum Vermeidung oft logisch ist

Nehmen wir zwei Kinder.

Beide sollen zehn Aufgaben bearbeiten.

Kind A versteht die Aufgaben sofort.

Kind B braucht deutlich mehr Zeit, ist unsicher und macht häufiger Fehler.

Von außen erhalten beide die gleiche Hausaufgabe.

Innerlich erleben sie jedoch völlig unterschiedliche Situationen.

Für Kind A bedeutet die Aufgabe:

„Das schaffe ich.“

Für Kind B bedeutet dieselbe Aufgabe:

„Wahrscheinlich mache ich wieder Fehler.“


Vermeidung ist in diesem Moment keine Faulheit. Sie ist ein Versuch, unangenehme Gefühle zu vermeiden.


Wenn Druck das Problem verstärkt

Viele Eltern reagieren verständlicherweise mit Erinnerungen, Kontrolle oder zusätzlichem Druck. Schließlich sollen die Aufgaben erledigt werden.

Doch Druck löst selten die eigentliche Ursache. Im Gegenteil:


Je stärker der Druck steigt, desto stärker wächst häufig der Wunsch des Kindes, der Situation auszuweichen.

Aus einem Lernproblem wird dann schnell ein Beziehungskonflikt.

Die Gespräche drehen sich immer häufiger um Hausaufgaben, Noten und Pflichten.

Der eigentliche Auslöser gerät dabei oft aus dem Blick.


Die Abwärtsspirale beginnt früher

Viele Eltern erkennen sich in einzelnen Stationen dieser Entwicklung wieder. Die gute Nachricht: An jeder Stelle der Spirale gibt es Möglichkeiten gegenzusteuern. 👉 Zur Themenreihe „Wenn Lernen zum Kampf wird“


Wenn ein Kind etwas nicht tut, obwohl es eigentlich dazu in der Lage sein müsste, lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung davor.


Oft beginnt die Spirale mit scheinbar kleinen Schwierigkeiten:

  • Materialien werden vergessen.

  • Aufgaben werden aufgeschoben.

  • Die Organisation fällt schwer.

  • Lernen kostet ungewöhnlich viel Kraft.


Mit der Zeit entstehen Misserfolge.

Misserfolge führen zu Frust.

Frust führt zu Streit.

Streit führt zu Vermeidung.

Und Vermeidung verstärkt wiederum die Schwierigkeiten.


Was später wie mangelnde Motivation aussieht, ist häufig das Ergebnis einer längeren Entwicklung. Diese Entwicklung beschreibe ich ausführlich in meiner Themenreihe „Wenn Lernen zum Kampf wird“.


Die wichtigere Frage lautet nicht: „Warum macht mein Kind das nicht?“

Die wichtigere Frage lautet:

„Was macht es meinem Kind so schwer, sein Können zu zeigen?“

Diese Frage verändert den Blickwinkel.

Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, das Verhalten zu bekämpfen.

Es geht darum, die Ursache zu verstehen.

Erst wenn diese Ursache sichtbar wird, können passende Lösungen entstehen.


Wann genauer hingeschaut werden sollte

Wenn Du regelmäßig das Gefühl hast:

  • „Mein Kind könnte viel mehr.“

  • „Es versteht alles, setzt es aber nicht um.“

  • „Wir streiten ständig über Schule.“

  • „Die Leistungen passen nicht zu seinem Potenzial.“

dann lohnt sich ein genauer Blick auf die Hintergründe.


Denn häufig steckt nicht fehlender Wille hinter dem Verhalten, sondern eine Hürde, die bislang noch nicht erkannt wurde.


Fazit

Wenn Kinder etwas können, es aber trotzdem nicht tun, ist die Erklärung selten Faulheit.

Meist gibt es einen guten Grund dafür.

Die Herausforderung besteht darin, diesen Grund zu finden.

Denn nachhaltige Veränderungen entstehen nicht durch mehr Druck, sondern durch ein besseres Verständnis dessen, was hinter dem Verhalten eines Kindes steckt.

Wer die Ursache erkennt, kann gezielt helfen – bevor aus einzelnen Schwierigkeiten eine dauerhafte Abwärtsspirale entsteht.

 
 
 

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