Fingerzählen verboten? Warum ich diesen Trend für einen pädagogischen Irrweg halte
- 5. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Neulich erzählte mir eine Mutter von ihrem Sohn. Er saß in der Schule, löste eine Rechenaufgabe und nutzte dabei seine Finger. Daraufhin wurde ihm erklärt, dass er das nicht mehr machen dürfe - Fingerzählen verboten!. Schließlich sei Fingerzählen ein Zeichen dafür, dass er nicht richtig rechnen könne.
Ich musste kurz überlegen.
Nicht, weil ich keine Antwort wusste.
Sondern weil ich mich fragte, wie wir eigentlich an diesen Punkt gekommen sind.
Wie kann etwas, das über Jahrhunderte als völlig normales Hilfsmittel galt, plötzlich als pädagogisches Problem betrachtet werden?
Das wechselhafte Schicksal des Fingerzählens
Manchmal verändern sich gesellschaftliche Überzeugungen erstaunlich schnell.
Früher galt Blässe als Schönheitsideal. Wer vornehm war, hielt sich von der Sonne fern. Heute macht sich dieselbe Person möglicherweise Sorgen um ihren Vitamin-D-Spiegel.
Früher wurden Linkshänder auf die rechte Hand umtrainiert.
Früher sollten Kinder still sitzen, wenn sie nachdenken.
Und früher gab es kaum ein Mathematikbuch für Kinder, in dem nicht mindestens eine neue Methode vorgestellt wurde, wie man mit den Fingern rechnen kann.
Tatsächlich waren Finger über Jahrhunderte hinweg eines der wichtigsten mathematischen Werkzeuge der Menschheit. Nicht nur für Kinder. Auch Kaufleute, Gelehrte und Mathematiker nutzten ausgeklügelte Fingerrechenmethoden.
Heute hingegen begegnet man gelegentlich der Vorstellung:
„Fingerzählen = Rechenschwäche.“
Das ist ungefähr so logisch wie:
„Brille = Leseschwäche.“
Oder:
„Notizzettel = Gedächtnisproblem.“
Was Finger eigentlich leisten
Wenn Kinder rechnen, müssen sie erstaunlich viele Dinge gleichzeitig im Kopf behalten.
Zahlen.
Rechenwege.
Zwischenergebnisse.
Aufgabenstellung.
Regeln.
Strategien.
Das alles wird im Arbeitsgedächtnis verarbeitet. Und genau dieses Arbeitsgedächtnis ist begrenzt. Die Finger können dabei helfen, einen Teil der Informationen auszulagern.
Sie funktionieren wie kleine externe Speicherplätze. Nicht anders als ein Einkaufszettel.
Oder ein Taschenrechner. Oder die Strichliste, die wir Erwachsenen auf einem Schmierzettel führen, wenn wir nachzählen möchten, ob wirklich alle Gäste zugesagt haben.
Niemand käme auf die Idee, daraus eine Diagnose abzuleiten.
Wann Fingerzählen völlig unproblematisch ist
Die Antwort ist einfach: Sehr oft.
Viele Kinder nutzen ihre Finger, während sie neue Rechenstrategien lernen.
Andere greifen darauf zurück, wenn sie müde sind.
Manche verwenden sie bei schwierigen Aufgaben.
Andere rechnen die meiste Zeit im Kopf und nehmen ihre Finger nur dann zur Hilfe, wenn das Gehirn gerade ohnehin schon mit fünf anderen Dingen beschäftigt ist.
All das ist völlig normal.
Tatsächlich beobachte ich häufig Kinder, die sehr gute mathematische Fähigkeiten besitzen und trotzdem gelegentlich ihre Finger benutzen. Nicht weil sie es müssen. Sondern weil es praktisch ist.
Wann man genauer hinschauen sollte
Natürlich gibt es Situationen, in denen Fingerzählen tatsächlich ein Hinweis auf Schwierigkeiten sein kann.
Zum Beispiel dann, wenn ein Kind selbst bei sehr einfachen Aufgaben dauerhaft auf jeden einzelnen Finger angewiesen bleibt.
Oder wenn das Zählen auch nach Jahren die einzige verfügbare Strategie geblieben ist.
Oder wenn zusätzlich weitere Auffälligkeiten auftreten:
Unsicherheit bei Mengen
Schwierigkeiten beim Überschreiten des Zehners
Probleme beim Zerlegen von Zahlen
starke Anstrengung bei einfachen Rechenaufgaben
Dann lohnt sich ein genauerer Blick. Aber selbst in diesen Fällen ist nicht das Fingerzählen das Problem. Es ist lediglich ein sichtbares Symptom. Niemand würde schließlich behaupten, Fieber sei die Krankheit.
Mein persönlicher Wunsch - nie mehr "Fingerzählen verboten"!
Ich wünsche mir, dass wir Finger wieder als das betrachten, was sie sind: Ein Werkzeug.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Manchmal zeigen sie, dass ein Kind Unterstützung braucht.
Sehr oft zeigen sie aber nur, dass ein Kind eine kluge Strategie nutzt, um sein Arbeitsgedächtnis zu entlasten.
Und ganz ehrlich:
Wenn wir Erwachsenen so konsequent auf Hilfsmittel verzichten würden, wie wir es manchmal von Kindern verlangen, müssten wir vermutlich unsere Smartphones, Kalender, Notizzettel und Taschenrechner ebenfalls abgeben.
Ich habe den Verdacht, dass die Begeisterung dafür überschaubar wäre.
Fazit
Fingerzählen ist weder automatisch ein Zeichen von Dyskalkulie noch ein Beweis für mathematische Schwierigkeiten. Es ist ein Hilfsmittel.
Manchmal ein sehr sinnvolles. Manchmal ein Hinweis darauf, dass ein Kind noch Unterstützung braucht.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Zählt mein Kind mit den Fingern?“
Sondern:
„Warum zählt mein Kind mit den Fingern?“
Erst die Antwort auf diese Frage verrät, ob wir es mit einer normalen Lernstrategie, einem vorübergehenden Entwicklungsschritt oder tatsächlich mit einer Rechenschwäche zu tun haben.
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