
Wenn der Gedanke an Schule genügt, dass sich das Kind in ein Schneckenhaus zurückzieht.

Vermeidung und Rückzug
beim Thema Schule

Beginnende Vermeidung & Rückzug zeigen sich zunächst selten im großen Drama.
Vielmehr wirkt alles, was mit dem Thema Schule und Leistung zu tun hat, vom Kind seltsam entkoppelt und emotionslos.
Ursachen und Symptome von Vermeidungsverhalten
Was die Ursachen für Vermeidung und Rückzug sind und woran man sie erkennen kann, lässt sich am besten anhand echter Eltern-Fragen beantworten:
Warum erzählt mein Kind zuhause nie von der Schule?
Eines vorweg: Es gibt einfach schweigsamere Kinder, bei denen man das Gefühl hat, man müsse ihnen jede Antwort „aus der Nase ziehen“. Dieses Phänomen zieht sich oft durch alle Lebensbereiche. Die Kinder sprechen wenig über die Schule, und ebenso wenig über den Sportverein oder Freunde. Trotzdem sind sie glücklich, zufrieden und weitgehend sorgenfrei. ABER es gibt auch Kinder, die langsam – fast unmerklich – immer mehr verstummen, wenn es speziell um das Thema Schule und Leistung geht. Auffällig ist dabei, dass das Schweigen oft sehr selektiv wird. Früher erzählte das Kind vielleicht noch von Lehrern, Freunden oder lustigen Erlebnissen. Heute kommen auf Fragen nach der Schule nur noch kurze Antworten: „War okay.“ „Weiß nicht.“ „Nichts Besonderes.“ „Alles gut.“ Gleichzeitig kann das Kind stundenlang über andere Themen sprechen. Es erzählt von Computerspielen, Tieren, Hobbys oder Dingen, die es interessieren. Nur der Bereich Schule scheint zunehmend aus den Gesprächen zu verschwinden. Genau das macht dieses Warnsignal so leicht zu übersehen. Denn viele Eltern interpretieren das Schweigen zunächst als Desinteresse. Tatsächlich erleben wir in der Lerntherapie jedoch häufig das Gegenteil: Je stärker ein Kind unter dem Thema Schule leidet, desto weniger spricht es darüber. Nicht weil es ihm egal ist. Sondern weil es ihm zu groß geworden ist. Zu groß, um es in Worte zu fassen. Zu groß, um sich jeden Tag damit auseinanderzusetzen. Und manchmal auch zu groß, um sich einzugestehen, wie sehr es eigentlich belastet.
Mein Kind interessiert sich für alles, nur nicht für die Schule.
Viele Eltern beschreiben ihr Kind in dieser Phase als lustlos oder unmotiviert. Schaut man jedoch genauer hin, zeigt sich häufig ein anderes Bild. Das Kind kann sich stundenlang mit Computerspielen beschäftigen. Es trifft sich begeistert mit Freunden, verbringt Stunden auf dem Fußballplatz oder kann sich intensiv mit seinen Hobbys auseinandersetzen. Die vermeintliche Lustlosigkeit scheint also erstaunlich selektiv zu sein. Genau deshalb sprechen wir in der Lerntherapie häufig von einer selektiven Lustlosigkeit. Das Kind hat seine Fähigkeit zur Begeisterung nicht verloren. Es hat lediglich die Freude an einem ganz bestimmten Lebensbereich verloren: der Schule. Der Grund dafür ist meist nicht Faulheit oder mangelnder Wille. Unser Gehirn versucht ständig, angenehme Erfahrungen zu wiederholen und unangenehme Erfahrungen zu vermeiden. Wenn Schule über Monate oder sogar Jahre immer wieder mit Misserfolgen, Überforderung, Druck oder Enttäuschungen verbunden wird, beginnt das Gehirn diesen Bereich zunehmend als Belastung abzuspeichern. Die Folge: Alles, was mit Schule zu tun hat, kostet immer mehr Überwindung. Nicht weil das Kind nicht möchte. Sondern weil sein Gehirn gelernt hat, dass es dort wenig zu gewinnen und viel zu verlieren gibt. Selektive Lustlosigkeit ist deshalb häufig kein Zeichen von Gleichgültigkeit. Sie ist oft ein Hinweis darauf, dass ein Kind innerlich bereits begonnen hat, sich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen.
Wann wird aus Rückzug ein Warnsignal?
Nicht jedes Kind, das wenig über die Schule spricht oder zeitweise keine Lust auf Hausaufgaben hat, benötigt sofort Unterstützung. Kinder haben gute und schlechte Phasen. Sie erleben Konflikte mit Lehrern, Streit mit Freunden oder einfach einmal eine anstrengende Schulwoche. Hellhörig sollten Eltern jedoch werden, wenn mehrere der folgenden Anzeichen über Wochen oder Monate hinweg gleichzeitig auftreten: ✓ Das Kind spricht kaum noch über die Schule. ✓ Die Freude an schulischen Themen geht zunehmend verloren. ✓ Hausaufgaben werden immer häufiger vermieden oder hinausgezögert. ✓ Die Stimmung verschlechtert sich regelmäßig vor Schultagen. ✓ Das Selbstvertrauen nimmt sichtbar ab. ✓ Aussagen wie „Ich kann das sowieso nicht“ oder „Das bringt doch nichts“ häufen sich. ✓ Das Kind zieht sich zunehmend zurück. ✓ Konflikte rund um Schule und Leistung nehmen zu. Je mehr dieser Anzeichen gleichzeitig auftreten, desto wahrscheinlicher ist es, dass nicht einfach eine vorübergehende Phase vorliegt. In diesem Fall lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn Kinder wachsen oft aus einer Phase heraus. Aus einer Spirale aus Misserfolgen, Rückzug und Selbstzweifeln dagegen meist nicht. Je früher die Ursachen erkannt werden, desto leichter lässt sich die Spirale wieder durchbrechen.
Vermeidung und Rückzug sind kein Charakterzug.
Sie sind meist ein Hinweis darauf, dass ein Kind Unterstützung braucht.
Die gute Nachricht: Genau an diesem Punkt lässt sich die Spirale oft noch sehr gut durchbrechen.

