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Auf dieser Seite findet ihr keine trockenen Definitionen, sondern Antworten auf Fragen, die viele Eltern nachts im Bett wirklich beschäftigen.

Die folgenden Antworten basieren auf unserer lerntherapeutischen Arbeit mit Kindern mit Rechenschwierigkeiten, Dyskalkulie und schulischen Lernblockaden.

Hat mein Kind einfach nur Matheprobleme, oder steckt mehr dahinter?

Tatsächlich lässt sich oft schon relativ gut erkennen, ob hinter den Schwierigkeiten eher ein gewöhnliches Matheproblem oder etwas Tieferliegendes steckt. Normale Matheprobleme treten bei fast allen Kindern hin und wieder auf und sind meist ziemlich klar auf ein bestimmtes Thema begrenzt. Es kann also gut sein, dass die Division einfach nicht in den Kopf möchte, während Plus- und Minusrechnen oder das kleine 1x1 eigentlich ganz ordentlich funktionieren. In solchen Fällen helfen regelmäßiges Üben – bitte in kleinen Häppchen und nicht mit Endlos-Arbeitsblättern – oder auch mal zeitlich begrenzte Nachhilfe oft recht gut. Anders sieht es aus, wenn eine echte Rechenschwäche oder eine Dyskalkulie vorliegt. Hier wurde häufig bereits im kleinen Zahlenraum kein stabiles Mengenverständnis aufgebaut. Viele Kinder können das eine ganze Weile erstaunlich gut kompensieren, weil sie Aufgaben zunächst zählend lösen. Auch im Bereich der Multiplikation fallen die Schwierigkeiten oft noch nicht sofort auf, wenn das kleine 1x1 einfach auswendig gelernt wurde. Spätestens beim Schritt über den Hunderter beginnt dieses System jedoch häufig zusammenzubrechen. Plötzlich zeigen sich massive Schwierigkeiten – obwohl die eigentlichen Probleme oft schon viel früher entstanden sind. Falls du unsicher bist, ob bei deinem Kind eher ein „einfaches Matheproblem“ oder etwas Grundsätzlicheres dahintersteckt, kannst du eine kleine Beobachtungsaufgabe ausprobieren. Sie ersetzt natürlich keine Diagnostik, gibt aber oft erste Hinweise darauf, wie sicher das Mengenverständnis bereits aufgebaut ist. Frage: An einer Straße stehen 20 Bäume (für Erstklässler) beziehungsweise 100 Bäume (ab Mitte Klasse 2). Der 3. und der 12. Baum beziehungsweise der 30. und der 42. Baum werden gefällt. Wie viele Bäume bleiben übrig? Interessant ist dabei weniger die Geschwindigkeit, sondern die Art, wie dein Kind an die Aufgabe herangeht. Kinder mit normalen Matheproblemen kommen meist recht stabil zu 18 beziehungsweise 98. Kinder mit tieferliegenden Schwierigkeiten verlieren sich dagegen häufig im Zählen, geraten durcheinander oder kommen zu Antworten, die zeigen, dass Mengen und Zahlen innerlich noch nicht sicher miteinander verknüpft sind. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass eine Dyskalkulie vorliegt. Es ist aber ein guter Hinweis darauf, dass man genauer hinschauen sollte – besonders dann, wenn Hausaufgaben regelmäßig eskalieren, Rechnen extrem anstrengend wirkt oder trotz vielen Übens kaum Fortschritte sichtbar werden.

Mein Kind zählt noch mit den Fingern – ist das schlimm?

Nein – ich kann dich erst einmal beruhigen: Aus lerntherapeutischer Sicht ist es grundsätzlich nichts Schlimmes, wenn ein Kind beim Rechnen die Finger zur Hilfe nimmt. Und wenn wir ehrlich sind: Wir Erwachsenen tun das ständig. Beim Abzählen von Gästen für die nächste Geburtstagsfeier. Beim Antippen von Punkten auf einer To-do-Liste. Oder wenn wir überlegen: „Moment … habe ich jetzt wirklich an alle gedacht – oder ist Tante Gertrude sonst wieder bis Weihnachten beleidigt?“ Interessant ist dabei, was im Gehirn passiert: Während wir zählen, laufen oft viele Gedanken gleichzeitig ab. Wir überlegen organisatorisch, visualisieren Gesichter, planen voraus und behalten nebenbei noch die eigentliche Zahl im Kopf. Die Finger dienen dabei wie eine kleine äußere Gedankenstütze, damit das System bei all der geistigen Aktivität nicht den Überblick verliert. Ganz ähnlich geht es Kindern beim Rechnen. Denn Rechnen bedeutet nicht nur „plus“ oder „minus“. Ein Kind muss gleichzeitig: Zahlen erinnern, Rechenwege auswählen, Mengen erfassen, sich im Zahlenraum orientieren, Regeln beachten, und häufig zusätzlich mit Stress oder Unsicherheit umgehen. Gerade in der Grundschule ist Fingerrechnen bei vielen Kindern deshalb noch völlig normal und kann ein ganz natürlicher Teil der mathematischen Entwicklung sein. Gerade Kinder mit Rechenschwierigkeiten oder einer Dyskalkulie nutzen die Finger deshalb häufig als Unterstützung. Aber auch viele andere Kinder greifen phasenweise darauf zurück – besonders dann, wenn neue Rechenwege, größere Zahlenräume oder mehrere Denkschritte gleichzeitig bewältigt werden müssen. Die Finger helfen dabei, das Denken zu stabilisieren. Sie sind kein Zeichen von Faulheit oder mangelnder Intelligenz, sondern oft einfach ein sinnvoller Stützmechanismus für ein Gehirn, das gerade sehr viel gleichzeitig leisten muss. Problematisch wird Fingerrechnen erst dann, wenn es das einzige verfügbare Rechensystem eines Kindes bleibt und keine weiteren Strategien hinzukommen. Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen und mögliche Ursachen fachlich abzuklären. Aus lerntherapeutischer Sicht halte ich deshalb pauschale Verbote des Fingerzählens für problematisch. Denn viele Kinder hören dadurch nicht auf zu zählen – sie beginnen lediglich, heimlich zu zählen: unter dem Tisch, in der Hosentasche oder hinter dem Rücken. Wenn man einem Kind etwas verbietet, das ihm in der aktuellen Situation hilft, entsteht schnell Scham. Das Kind bekommt das Gefühl: „So wie ich rechne, bin ich nicht richtig.“ Und genau dieses Gefühl kann langfristig deutlich schädlicher sein als das Fingerrechnen selbst. Deshalb gilt aus meiner Sicht: Fingerrechnen ist nicht grundsätzlich falsch. Aber es kann ein wichtiges Signal sein, genauer hinzusehen – nicht wertend, sondern verstehend.

Wir üben und üben - trotzdem sind die Mathenoten schlecht.

Das ist für viele Eltern und natürlich auch Kinder unglaublich frustrierend. Denn irgendwann entsteht ider Gedanke: „Wir machen doch schon so viel – warum klappt es trotzdem nicht?“ Tatsächlich liegt das Problem bei anhaltenden Schwierigkeiten in Mathematik aber oft gar nicht am fehlenden Üben, sondern daran, was genau geübt wird. Denn Mathematik funktioniert ein bisschen wie ein Hausbau: Neue Themen bauen fast immer auf älteren Grundlagen auf. Wenn aber einzelne Basisfähigkeiten unsicher sind, gerät das gesamte System irgendwann ins Wackeln. Viele Kinder lernen dann trotzdem irgendwie weiter mit, entwickeln Ausweichstrategien, merken sich Rechenwege auswendig oder hangeln sich von Klassenarbeit zu Klassenarbeit. Das funktioniert häufig erstaunlich lange – bis die Anforderungen komplexer werden und das Kartenhaus zusammenbricht. Genau deshalb erleben viele Familien folgende Situation: Das Kind übt viel, strengt sich an, sitzt lange an den Hausaufgaben – und die Noten bleiben trotzdem schlecht. Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind faul oder unkonzentriert ist. Oft fehlt schlicht das stabile Fundament, auf dem neues Wissen überhaupt sinnvoll aufgebaut werden könnte. Hinzu kommt: Mathematik verlangt dem Gehirn gleichzeitig sehr viel ab. Ein Kind muss: Zahlen im Kopf behalten, Mengen verstehen, Rechenwege planen, Regeln anwenden, Zwischenschritte speichern, und dabei häufig noch unter Zeitdruck arbeiten. Wenn dabei grundlegende Prozesse nicht automatisiert sind, gerät das Arbeitsgedächtnis schnell an seine Grenzen. Das Kind wirkt dann oft „unkonzentriert“, obwohl das Gehirn in Wahrheit einfach überlastet ist. Gerade Kinder mit Rechenschwierigkeiten oder einer Dyskalkulie entwickeln deshalb häufig Vermeidungsverhalten: Sie trödeln, blockieren, verweigern Hausaufgaben oder behaupten plötzlich, Mathematik sei „langweilig“. Dahinter steckt jedoch oft keine fehlende Motivation, sondern die Erfahrung: „Egal wie sehr ich mich anstrenge – es wird trotzdem nicht besser.“ Und genau dieser Punkt ist wichtig: Mehr vom Gleichen hilft nicht immer weiter. Wenn ein Kind seit Monaten oder sogar Jahren übt, ohne dass sich die Situation verbessert, lohnt es sich häufig, genauer hinzuschauen: Welche Grundlagen fehlen möglicherweise? Versteht das Kind wirklich die mathematischen Zusammenhänge? Oder hat es vor allem gelernt, Rechenwege auswendig anzuwenden? Denn manchmal brauchen Kinder nicht mehr Druck oder mehr Arbeitsblätter – sondern einen anderen Zugang zum Lernen.

Wie kann ich meinem Kind in Mathe helfen, ohne dass es immer wieder Streit gibt?

Zunächst einmal ist eines ganz wichtig zu verstehen: Der Ärger eines Kindes richtet sich in solchen Situationen meistens nicht wirklich gegen Mama oder Papa. Viele Kinder erleben die Hausaufgabensituation vielmehr so, als würde die Schule in ihren eigentlichen Schutzraum eindringen. Zuhause sollte der Ort sein, an dem man sich sicher fühlt, angenommen wird und nicht permanent bewertet werden muss. Stattdessen erleben manche Kinder Nachmittag für Nachmittag genau das Gegenteil: Sie müssen ausgerechnet vor den wichtigsten Menschen ihres Lebens zeigen, was sie nicht können, wo sie scheitern oder was sie wieder nicht verstanden haben. Das kann enormen inneren Druck erzeugen. Hinzu kommt, dass Kinder mit Matheschwierigkeiten häufig schon viele Misserfolgserlebnisse gesammelt haben. Manche reagieren dann mit Wut, Verweigerung, Albernheit oder Rückzug – nicht, weil ihnen alles egal ist, sondern weil sie versuchen, sich selbst zu schützen. Deshalb helfen in solchen Situationen oft weder Druck noch endlose Diskussionen. Viel wichtiger ist zunächst, die emotionale Spannung aus der Situation herauszunehmen. Kinder lernen deutlich besser, wenn sie sich sicher fühlen. Das bedeutet nicht, dass man keine Grenzen setzen darf. Aber es bedeutet, dass Lernen langfristig eher über Beziehung, Verständnis und kleine machbare Schritte funktioniert als über Angst, Streit oder ständigen Druck. Und manchmal ist genau das bereits die wichtigste Entlastung für ein Kind: Zu spüren, dass zuhause nicht noch ein zweites Klassenzimmer entsteht.

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