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Auf dieser Seite findet ihr keine trockenen Definitionen, sondern Antworten auf Fragen, die viele Eltern nachts im Bett wirklich beschäftigen.

Die folgenden Antworten basieren auf unserer lerntherapeutischen Arbeit mit Kindern mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, LRS und Legasthenie sowie schulischen Lernblockaden.

Mein Kind schreibt trotz Üben immer wieder dieselben Fehler – ist das noch normal?

Ja, wiederkehrende Fehler beim Lesen und Schreiben sind tatsächlich erst einmal nichts Ungewöhnliches. Zum Glück ist jeder Mensch mit einem ganz eigenen Bündel an besonderen Fähigkeiten und Talenten ausgestattet. Das bedeutet im Umkehrschluss gleichzeitig, dass jeder Mensch auch unterschiedliche Schwachpunkte hat. Und bei manchen Menschen ist einfach die Fähigkeit der Rechtschreibung und/oder der Wortbilderkennung beim Lesen schwächer ausgeprägt, was dann trotz Übens immer wieder zu gleichen oder ähnlichen Fehlern führt. Das bedeutet allerdings nicht, dass Lernen unmöglich wäre – manche Kinder benötigen lediglich andere Wege, mehr Zeit oder gezieltere Unterstützung. Niemand würde sich die Frage stellen, ob es noch normal ist, wenn ein Kind trotz Übens 50 Meter immer nur in 12 Sekunden läuft, sondern die Antwort läge glasklar auf der Hand: Nicht jeder hat die körperlichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sprinter-Karriere – umgangssprachlich würde man vielleicht einfach sagen: „Die Maus ist halt unsportlich.“ Nun ist aber Lesen und Schreiben in unserer heutigen Welt eine Elementarfähigkeit, die man tatsächlich erlernen MUSS, um durchs Leben zu kommen (im Gegensatz zum Sprinten – das war für unsere Vorfahren in der Steinzeit noch ein echter Wettbewerbsvorteil, während es damals völlig genügte, wenn die Fähigkeiten zum Geschichtenerzählen eher rudimentär ausgeprägt waren). Das bedeutet gleichzeitig aber auch: Lesen und Schreiben sind keine „natürlichen“ Fähigkeiten unseres Gehirns wie Sprechen oder Laufen, sondern echte Kulturtechniken, die manche Kinder deutlich mühsamer erlernen als andere. Das bedeutet, dass man sich die Frage stellen muss, wo die Grenze zwischen gewöhnlichen Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb und einer Ausprägung verläuft, die eine besondere Förderung benötigt. Dies lässt sich in aller Regel grob an der Art der Fehler einschätzen. Fehler, die auf einen erhöhten Förderbedarf hindeuten können, sind in aller Regel: * konstantes Vertauschen von b und d * auffällige Fehler in der Groß- und Kleinschreibung, obwohl die Regeln bereits mehrfach erklärt und geübt wurden * über Klassenstufe 2 hinaus ausgeprägtes lautgetreues Schreiben oder so schreiben, wie auch buchstabiert wird (NT SN = 🦆essen😉) Hier sollte möglichst frühzeitig externe, professionelle Förderung in Betracht gezogen werden, bevor die Fehler Auswirkungen auf das Selbstbild nehmen. Denn häufig sind nicht die Rechtschreibfehler selbst das größte Problem, sondern die Gedanken, die Kinder irgendwann über sich selbst entwickeln: „Ich bin dumm.“ „Ich kann das einfach nicht.“ Und genau das soll verhindert werden.

Woran erkene ich Legasthenie bzw. eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS)?

Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche zeigt sich vor allem daran, dass Kinder trotz Übens dauerhaft große Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Typisch sind anhaltende Probleme beim flüssigen Lesen, eine hohe Fehlerinkonstanz beim Schreiben und eine starke emotionale Belastung bei Hausaufgaben oder Diktaten. Das Wichtigste vorab: Eine LRS oder Legasthenie hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Viele betroffene Kinder sind neugierig, kreativ, sprachlich stark oder sehr klug im logischen Denken. Ihr Gehirn verarbeitet Buchstaben, Laute und Schrift jedoch weniger automatisiert. Deshalb benötigen sie oft andere Lernwege, deutlich mehr Wiederholungen und eine gezielte Unterstützung. Gerade am Anfang der Schulzeit machen fast alle Kinder Fehler. Entscheidend ist deshalb nicht, *ob* Fehler auftreten, sondern ob die Schwierigkeiten trotz Übens dauerhaft bestehen bleiben und das Lernen zunehmend belasten. ## Typische Warnzeichen beim Lesen ### Mühsames „Erlesen“ Das Kind liest sehr langsam und buchstabiert sich Wort für Wort voran. Dabei geht oft der Sinn des Gelesenen verloren. Lesen wirkt anstrengend und erschöpfend. ### Wörter werden erraten Aus „Haus“ wird plötzlich „Hund“. Viele Kinder mit Legasthenie oder LRS erkennen Wörter nicht sicher wieder und versuchen deshalb, sie aus dem Zusammenhang heraus zu erraten. ### Verrutschen in der Zeile Das Kind springt beim Lesen zwischen den Zeilen, verliert die Stelle im Text oder lässt Wörter und Endungen aus. ## Typische Warnzeichen beim Schreiben ### Fehlerinkonstanz Dasselbe Wort wird innerhalb eines Textes immer wieder unterschiedlich falsch geschrieben – zum Beispiel „Vater“, „Fater“ und „Vatar“. Das Kind entwickelt kein stabiles inneres Wortbild. ### Anhaltendes lautgetreues Schreiben Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche schreiben oft auch in der dritten oder vierten Klasse noch streng nach Gehör, etwa „fong“ statt „von“ oder „Heuser“ statt „Häuser“. ### Buchstaben werden verwechselt Buchstaben wie b und d oder p und q werden dauerhaft vertauscht, obwohl diese Unterscheidung eigentlich bereits sicher sitzen sollte. ## Der wichtigste Hinweis ist oft das Verhalten des Kindes Der deutlichste Warnhinweis ist häufig nicht die Anzahl der Fehler, sondern die Veränderung im Wesen des Kindes. Wenn Hausaufgaben täglich in Streit, Tränen, Wut oder völliger Verweigerung enden, steckt dahinter oft nicht Faulheit, sondern Überforderung. Viele Kinder erleben über längere Zeit immer wieder Misserfolge und beginnen irgendwann zu glauben: „Ich bin dumm.“ „Ich kann das einfach nicht.“ „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Spätestens an diesem Punkt sollte professionelle Unterstützung in Betracht gezogen werden. ## Wann ist professionelle Hilfe sinnvoll? Wenn die Schwierigkeiten über längere Zeit bestehen bleiben und das Kind trotz Übens kaum Fortschritte macht, kann eine genaue Diagnostik und gezielte Förderung sehr entlastend sein. Eine gute Unterstützung hilft Kindern mit Legasthenie oder LRS dabei, * passende Lernstrategien zu entwickeln, * Sicherheit im Umgang mit Schrift aufzubauen, * wieder Erfolgserlebnisse zu erfahren, * und ihr Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Denn erfolgreiches Lernen beginnt nicht mit Druck, sondern mit dem Gefühl: „Ich kann das schaffen.“

Wer kann mein Kind auf Legasthenie testen?

Bei Legasthenie-Testungen ist zunächst einmal Vorsicht geboten – schon alleine deshalb, weil es DEN einen „Legasthenie-Test“ in dieser Form eigentlich gar nicht gibt. Die Diagnose „Legasthenie“ ist immer eine sogenannte Ausschlussdiagnose. Das bedeutet: Es reicht nicht aus, einfach nur die Rechtschreibleistung eines Kindes zu testen und anschließend ein Etikett zu vergeben. Vielfach werden im Vorfeld von Fördermaßnahmen oder Therapie-Angeboten kostenlose „Legasthenie-Tests“ angeboten. Hier kommen häufig standardisierte Rechtschreibtests wie etwa die Hamburger Schreibprobe zum Einsatz. Dabei wird die Fehlerzahl des Kindes mit statistischen Durchschnittswerten verglichen. Teilweise wird zusätzlich noch ein Lesetest durchgeführt, bei dem Lesegeschwindigkeit und Lesegenauigkeit überprüft werden. Das Problem dabei: Solche Testungen bestätigen häufig lediglich den bereits bestehenden Verdacht, dass das Kind im Lesen oder Schreiben vom Durchschnitt abweicht. Wirklich überraschend ist das meist nicht – denn Eltern, deren Kinder völlig unauffällig lesen und schreiben, vereinbaren in aller Regel keine Legasthenie-Testung. Eine umfassende diagnostische Abklärung ist deshalb deutlich komplexer aufgebaut. Die Diagnose „Legasthenie“ wird nämlich erst dann gestellt, wenn die Lese- und/oder Rechtschreibleistung deutlich unter dem liegt, was aufgrund der allgemeinen Intelligenz des Kindes eigentlich zu erwarten wäre – und gleichzeitig weder mangelnde Beschulung noch körperliche Ursachen wie Seh- oder Hörstörungen die Schwierigkeiten erklären. Das bedeutet konkret: Für eine fachgerechte Diagnostik braucht es in der Regel * einen allgemeinen IQ-Test, * einen Rechtschreibtest, * einen Lesetest, * den Ausschluss organischer Ursachen, * sowie eine ausführliche Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese). Genau deshalb sollte eine Legasthenie-Diagnostik immer durch qualifizierte Fachpersonen durchgeführt werden. ## Wer führt solche Diagnostiken durch? Grundsätzlich kommen hierfür zwei Gruppen infrage: ### 1. Besonders ausgebildete Lerntherapeuten #### Vorteile: * oft sehr großes Einfühlungsvermögen in Kinder mit schulischen Teilleistungsschwächen, * viel praktische Erfahrung nicht nur in der Diagnostik, sondern auch in der späteren Förderung, * Termine häufig deutlich schneller verfügbar, * Seh- und Hörscreenings werden teilweise direkt mit durchgeführt. #### Nachteile: * die Kosten müssen in der Regel privat getragen werden, * für eine spätere Kostenübernahme einer Therapie durch das Jugendamt (§35a SGB VIII) wird oftmals zusätzlich noch eine Stellungnahme eines Kinder- und Jugendpsychiaters benötigt. --- ### 2. Psychologen sowie Kinder- und Jugendpsychiater #### Vorteile: * die Kosten der Diagnostik werden häufig von der Krankenkasse übernommen, * die Ergebnisse werden von Jugendämtern und Krankenkassen uneingeschränkt anerkannt. #### Nachteile: * häufig sehr lange Wartezeiten (nicht selten länger als sechs Monate), * zusätzliche Termine bei Augen- oder HNO-Ärzten sind oft notwendig, * manche Kinder empfinden die diagnostische Situation als eher klinisch oder belastend. Leider gibt es in Deutschland aktuell selten den perfekten Weg: Entweder erhält man schnell praxisnahe Hilfe, muss diese aber häufig privat finanzieren – oder man wartet sehr lange auf eine kassenfinanzierte Diagnostik. Und genau hier beginnt für viele Familien das eigentliche Problem: Der Schulstoff nimmt leider keine Rücksicht auf Arztwartezeiten. Mein ganz persönlicher Rat – diesmal nicht als Lerntherapeutin, sondern als betroffene Mutter, die auch Kinder mit Teilleistungsstörungen durch die Schullaufbahn navigieren musste: Ich würde immer zweigleisig fahren! Also: Jetzt zeitnah eine fundierte Legasthenie-Testung und passende Förderung bei einem Lerntherapeuten organisieren, damit dem Kind möglichst schnell geholfen werden kann und parallel dazu Termine bei Psychologen oder Kinder- und Jugendpsychiatern vereinbaren, um langfristig auch Fragen der Kostenübernahme abzuklären. Denn leider kann verlorene Lernzeit bei Kindern schnell zu zusätzlichem Druck, Frust und Selbstzweifeln führen. Und genau das sollte man möglichst früh verhindern.

Wie kann ich meinem Kind bei einer Rechtschreibschwäche wirklich helfen?

Die größte Hilfe, die Eltern einem Kind mit Legasthenie oder Lese-Rechtschreib-Schwäche geben können, ist echtes Verständnis. Und damit meinen wir weder Mitleid noch das dauerhafte Aus-dem-Weg-Räumen aller Steine. Verständnis bedeutet zunächst anzuerkennen, dass das eigene Kind es beim Erwerb der Schriftsprache tatsächlich schwerer hat als viele andere Kinder. Es braucht oft mehr Zeit, mehr Wiederholungen und manchmal auch andere Lernwege. Verständnis bedeutet aber auch, an etwas ganz Entscheidendes zu glauben: Eine Legasthenie macht den Weg schwieriger – sie macht ihn nicht unmöglich. Gerade Kinder mit Teilleistungsschwächen brauchen deshalb beides: Förderung UND Forderung. Warum? Weil Kinder sonst leicht in eine Art „erlernte Hilflosigkeit“ rutschen können. In der Lerntherapie hören wir häufig Sätze wie: „Ich habe halt Legasthenie.“ Und von Eltern hören wir oft den unglaublich liebevoll gemeinten Satz: „Wir wollen ihn oder sie einfach nicht überlasten.“ Beides ist verständlich. Ja, das Kind hat eine Legasthenie oder LRS. Ja, ein Kind sollte nicht überfordert werden. Aber eine Legasthenie entbindet nicht von Anstrengungsbereitschaft. Und Eltern dürfen ihrem Kind weiterhin zutrauen, Herausforderungen anzunehmen und daran zu wachsen. Der Satz: „Ich weiß, du kannst das nicht.“ ist meist Ausdruck von Liebe und Schutz. Trotzdem hilft er dem Kind nicht. Denn Kinder übernehmen oft das Bild, das wichtige Erwachsene von ihnen haben. Wenn Eltern dauerhaft vermitteln, dass bestimmte Dinge ohnehin nicht gelingen werden, beginnt das Kind irgendwann selbst daran zu glauben. Vielleicht macht ein Vergleich deutlich, was wir meinen: Viele Menschen bewundern die Teilnehmer der Paralympics. Natürlich wegen ihrer sportlichen Leistungen. Vor allem aber deshalb, weil sie zeigen, was möglich wird, wenn Menschen sich von ihren Einschränkungen nicht definieren lassen. Hand aufs Herz: Hätten diese Athletinnen und Athleten ihre Ziele erreicht, wenn man ihnen schon als Kindern immer wieder gesagt hätte: „Du kannst das halt nicht.“ Wahrscheinlich nicht. Und genau deshalb helfen Eltern ihrem Kind mit Legasthenie am meisten, wenn sie die Schwierigkeiten realistisch sehen und gleichzeitig an die Entwicklungsmöglichkeiten ihres Kindes glauben. Man sagt oft: Kinder brauchen Wurzeln und Flügel. Für Kinder mit Teilleistungsschwächen gilt das ganz besonders. Die Wurzeln entstehen durch Verständnis, Geduld und Rückhalt. Die Flügel entstehen durch Erfolgserlebnisse. Und genau diese Erfolgserlebnisse können Eltern aktiv fördern: * durch kurze, überschaubare Übungseinheiten, * durch alternative Lernwege, * durch kleine erreichbare Zwischenziele, * durch echtes Lob für Anstrengung und Fortschritte, * und durch einen engen Austausch mit der Schule. Denn mehr vom Gleichen hilft selten, wenn schon weniger vom Gleichen nicht funktioniert hat. Kinder mit Legasthenie brauchen nicht weniger Zutrauen. Sie brauchen mehr Gelegenheiten zu erleben: „Das war schwer – aber ich habe es geschafft.“

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